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SkF Bamberg: Betreutes Wohnen intensiv:Dem „Ich-bin-verrückt"-Stigma die Bedeutung nehmen

Einer Tagesstruktur folgen: ein Plan hilft.
Das Klischee geht so: Einrichtungen für psychisch Erkrankte liegen oftmals am Stadtrand, vielleicht in einem Waldstück - „denn man weiß ja nie“, wie es so schön heißt. Nicht so in Bischberg. Dort hat der Sozialdienst katholischer Frauen e.V. seine betreute Wohngemeinschaft für psychisch Kranke ganz bewusst und mit voller Absicht mitten in den Ort gelegt.
Datum:
Veröffentlicht: 6.7.26
Von:
Enno-Jochen Zerbes

Es dürfte Besucher nicht überraschen, dass es sich bei diesem wirklich sehr schönen, alt-ehrwürdigen und großzügigen Gebäude um das ehemalige Pfarrhaus in Bischberg handelt: denn es liegt direkt neben der Kirche St. Markus, mitten im Ortszentrum. Umgeben von einem hübschen Garten ist die erholsame Wirkung dieses Ortes quasi mit den Händen zu greifen. Wie eine erquickende Oase, an der sich der dürstende Mensch freudvoll labt.

Einst wohnte hier, logisch, ein Pfarrer. Heute ist es das nicht mehr ganz neue Zuhause der betreuten Wohngemeinschaft, besser gesagt: des „Betreuten Wohnens intensiv“, wie es offiziell heißt. Und das seit nunmehr fast sechs Jahren. „2020 haben wir im Oktober die ersten KlientInnen aufgenommen“, blickt Jennifer Watters zurück. Die Sozialpädagogin ist seit der ersten Stunde dabei und leitet die Einrichtung des Sozialdienstes katholischer Frauen Bamberg e. V. (SkF Bamberg). Unterstützt wird sie von zwei weiteren Fachkräften.

Betreutes Wohnen intensiv schließt Versorgungslücke

„Mit unserem spezifischen Angebot wollen wir eine Versorgungslücke schließen, die sich unserer Meinung nach zwischen der vollstationären und der rein ambulanten Betreuung auftut“, erklärt Watters die konzeptionelle Ausrichtung des Wohnprojektes. Aus der Betreuungsarbeit ihrer früheren Stelle im Bamberger Agnes-Neuhaus-Heim habe sie die Erkenntnis gewonnen, dass nicht alle KlientInnen tatsächlich ein vollbehütetes Setting benötigen. An sie richte sich auch die Einrichtung in Bischberg. Hier gibt es zum Beispiel keinen Nachtdienst und keine Rufbereitschaft. Das bedeutet, dass KlientInnen in der Nacht keinen generellen Betreuungsbedarf haben dürfen. „Wenn sich bei uns eine Person bewirbt, die etwa sagt, ich habe nachts regelmäßig Panikattacken und brauche in dieser Zeit einen Ansprechpartner, dann kann ich sie höchst wahrscheinlich nicht aufnehmen.“

BewerberInnen müssen, trotz ihrer psychiatrischen Diagnose, verhältnismäßig stabil sein, um in diese Wohnform aufgenommen zu werden. Weitere Zugangsvoraussetzungen sind grundsätzlich eine hohe Motivation, sich am therapeutischen Angebot zu beteiligen, das Bestreben, sich selbst zu versorgen, und dass keine akute Selbst- oder Fremdgefährdung sowie keine Suchtproblematik vorliegen, heißt es in der Broschüre der Einrichtung. „Sollten in der Nacht dennoch Schwierigkeiten auftreten, können sich die HausbewohnerInnen an den Krisendienst Oberfranken oder den Rettungsdienst wenden“, ergänzt Watters.

Hoher Versorgungsschlüssel

Charakteristisch für die Einrichtung ist der hohe Versorgungsschlüssel, durch den sich die ambulante Wohnform auszeichnet. „Hier bei uns ist eine Vollzeit-Betreuungsfachkraft für vier KlientInnen zuständig. Andere ambulante Angebote arbeiten mit einem Schlüssel von 1:5. In einigen Fällen geht das sogar hoch bis 1:12“, beschreibt Watters dieses wesentliche Unterscheidungskriterium.

Bei der Besichtigung des Hauses begegnen wir im ersten Stock einer Bewohnerin im Aufenthaltsraum. Als sie uns sieht, verschwindet sie zügig in ihrem Zimmer – Fremde seien ihr eher unangenehm. „Und sie hat Urlaub“, sagt Watters. „Manche unserer HausbewohnerInnen arbeiten zum Beispiel tagsüber in der Rehabilitations-Werkstätte der Lebenshilfe. Andere gehen aktuell keiner Berufstätigkeit nach und sind die meiste Zeit über im Haus.“ Generell bestehe keine Arbeitspflicht. Wer aktuell nicht arbeiten gehen könne, für den finde die Tagesstruktur hier im Haus statt. „Kochen, Putzen, Freizeitaktivitäten - das handhaben wir hier im Grunde wie in jeder anderen WG“, sagt Watters. Ergänzt wird die Begleitung bei der Haushaltsführung durch spezielle psychosoziale Angebote oder sozial-kognitives Training. Dieses findet sowohl im 1:1–Kontakt, als auch im Gruppensetting statt. Ziel sei es grundsätzlich, die BewohnerInnen dazu zu befähigen, selbständig einer eigenen Tagesstruktur zu folgen. Bei psychisch kranken Menschen sei das nicht immer ganz einfach. Gerade bei Menschen, die in der Vergangenheit z. B. schwierige Beziehungen und Lebenssituationen durchlebt haben. „Wir verfolgen hier einen traumapädagogischen Ansatz. Er eröffnet unseren KlientInnen die Möglichkeit, Vertrauen neu zu erlenen.“

Psycho-Edukation holt KlientInnen mit ins Boot

Dabei setzen die Fachkräfte in der Bischberger Einrichtung u. a. die Methode der Psycho-Edukation ein. Zentrales Element ist hier die Aufklärung. D. h.: „Wir analysieren mit den KlientInnen gemeinsam ihre Diagnose und die Gründe, warum sie manchmal so reagieren, wie sie reagieren. Wir erklären, wie sich Symptome durch therapeutische Maßnahmen beeinflussen lassen“, sagt Watters. Man hole die Betroffenen also mit ins Boot. Durch den fachlichen Wissenstransfer entstehe oft eine versachlichende Distanz: „Ich HABE eine Diagnose und nicht ich BIN meine Diagnose“, erklärt Watters. Das seien wertvolle Schlüsselerkenntnisse für die Betroffenen. Weil KlientInnen, die z. B. unter einer Borderline-Diagnose leiden, daraus lernen, dass sie grundsätzlich unter einem erhöhtem Stresslevel stünden und dass sie aus diesem Grund eben nicht so lange brauchen, bis es zu einem Ausbruch komme. „Alleine diese analytische Erkenntnis nimmt diesem ‚Ich bin verrückt‘- / ‚Ich muss immer ausrasten‘-/ ‚Ich bin schuld‘-Stigma an Gewicht, an Bedeutung, von dem die Betroffenen ohne den Wissenstransfer aber glauben, es zeichnet sie für immer aus.“

Der Erfolg dieses Arbeitsansatzes gibt Watters und ihren Kolleginnen recht. Die Einrichtung sei für die KlientInnen, aber auch für deren Familien extrem wichtig. Denn es könne für Familien schwierig werden, wenn zu Hause, neben dem Alltag, ein psychisch erkranktes Familienmitglied versorgt werden muss. „Dafür brauche es ja eine ganz besondere Zuwendung. „Durch die familiäre Nähe ist das emotional gar nicht einfach“, weiß Watters. Stress und Druck seien da an der Tagesordnung. Das führe nicht selten zu einer enorm hohen Be-, in vielen Fällen dann auch zu einer Überlastung. „Wenn sich unsere KlientInnen am Wochenende mit ihren Familien treffen, freut es uns zu sehen, wenn unsere Arbeit wirkt und sich Familienmitglieder wieder besser verstehen. Das sei für alle ein Gewinn, weil ein intaktes Familiengefüge ja auch für die Klientinnen extrem wichtig sei.

Anstieg bei Autismus-Diagnosen

Insgesamt leben zehn Personen in dem Haus in Bischberg. Die Jüngste ist Anfang 20, die Älteste Mitte 50. Der Altersdurchschnitt dürfte bei ca. 35 liegen - laut Watters ein sehr junges Haus. Gemeinsam mit ihren beiden Fachkräften betreut sie ADHS-, Borderline- oder Sozialphobie-Fälle. Knapp die Hälfte hat eine Autismus- oder Autismus-Verdachts-Diagnose. „Die Diagnosen bezüglich Autismus haben in den letzten Jahren bei allen Altersgruppen deutlich zugenommen“, erklärt die Sozialpädagogin. Das Problem: „Es gibt zu wenige Diagnosestellen und dementsprechend lange Wartezeiten, nicht selten drei bis vier Jahre.“ Hinzu kommt: „Autismus bei Erwachsenen ist auch noch nicht in den Köpfen angekommen.“ Insofern existiere immer noch ein falsches Bild von Autismus in der Gesellschaft. Die Versorgungslücke sei in diesem Bereich besonders groß.

Watters weiß, wovon Sie spricht. Bereits während ihres Studiums legte sie ihren Schwerpunkt auf den Bereich Psychiatrie. Vor etwa sechs Jahren begann sie damit, sich intensiv mit dem Thema Autismus zu beschäftigen. Dabei bewältigte sie einen regelrechten Weiterbildungsmarathon: „Weil mich dieses Thema einfach interessiert und ich den Bedarf sehe“, sagt sie. Das nimmt man der sehr erfahrenen Frau auch ohne Frage ab. Sie ist eine Vollblut-Pädagogin, denen ihre KlientInnen absolut am Herzen liegen. „Ich bin seit Tag eins in diesem Haus, habe es mit aufgebaut und bin zu 100 Prozent davon überzeugt.“

Das Haus bietet Platz für insgesamt 10 KlientInnen. Die Aufnahmekapazität der Einrichtung ist also eher klein. Genau darin liegt aber ihre Stärke. Die drei Betreuungskräfte sind sehr eng in das Tagesgeschehen der BewohnerInnen eingebunden. „Dadurch entsteht nochmal engere persönliche Beziehung, die wiederum eine besondere Art der Förderung und Entwicklung der KlientInnen ermöglicht“, so Watters. Es gebe kaum einen Tag, an dem sie die BewohnerInnen nicht sehe. Man sei viel näher dran und könne deshalb viel präziser an Entwicklungsschritten arbeiten, welche die KlientInnen in ihrem bisherigen Leben vielleicht noch nicht durchlaufen haben. „KlientInnen melden mir oft zurück, dass sie es nie für möglich gehalten hätte, diese Erfahrungen zu machen“, sagt Watters. Wohl auch deshalb gibt es eine Warteliste.

Betreutes Wohnen 2.0: SkF plant eine neue WG

Heute leitet Watters nicht nur die Einrichtung in Bischberg, sie hat zusätzlich eine Weiterbildung zum systemischen Autismus-Coach absolviert. Eine Spezialisierung, die sich durchaus herumgesprochen hat. Aufgrund der ausgewiesenen Autismus-Kompetenz bleiben Anrufe von KollegInnen aus anderen Einrichtungen selbstverständlich nicht aus. „Viele haben mitbekommen, dass ‚die beim SkF in Bamberg‘ gerade bei den Themen Autismus und Autismus bei Erwachsenen nochmal etwas genauer hinschauen.“ Und auch beim SkF e.V. in Bamberg erkennt man diese Relevanz. Neben dem Betreuten-Wohnen-intensiv-Projekt befasst man sich in der katholischen Organisation gerade nicht weniger intensiv mit der neuen Idee, eine weitere WG für KlientInnen aus dem Autismus-Spektrum zu eröffnen, ist von dort zu hören. Das Konzept dafür steht bereits. Sobald passende Räumlichkeiten vorhanden sind, geht es in die Realisierung.

Was sich Watters für die Zukunft wünscht? „Beim Thema psychische Erkrankung spüre ich immer noch eine gewisse Distanz oder Berührungsangst in der Gesellschaft. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen manchmal etwas neugieriger und weniger schnell in ihrem Urteil wären.“ Mit der Arbeit, welche die drei Betreuungskräfte leisten, will Watters dieser Entwicklung entgegenwirken. „Das ist auch ein Grund, warum wir ganz bewusst hier an diesem prominenten Platz, mitten im Ort sitzen. Wir sind ein Teil der Gesellschaft und wir wollen bewusst ein offenes Haus sein. Mir ist da die Symbolik extrem wichtig. Ich möchte Interessierte hierher einladen. Sie sollen hereinkommen, sich selbst ein Bild machen und nicht von außen draufschauen“, sagt Watters. „Nur vorher anmelden wäre wichtig“, bittet Watters. Ohne Anmeldung sei es für psychisch kranke Menschen immer schwierig.

Ein Bespiel für diese Offenheit ist das Bischberger Adventsfenster, an dem sich die Einrichtung jedes Jahr aktiv beteiligt. „Da gibt es was zu essen und zu trinken und der Ausschank findet bewusst innerhalb des Hauses statt. Wir wollen unseren BesucherInnen einfach zeigen, dass wir alle ganz normale Menschen sind und man vor uns keine Angst haben muss.“