Zum Welttag des Hospizes am 10. Oktober:„Bis zum Lebensende – Ich selbst“

Besucher, die zum ersten Mal ein Hospiz betreten, erwarten häufig eine eher bedrückende Atmosphäre mit allerlei medizinischen Geräten, die rhythmisch vor sich hin piepen, oder Beatmungsmaschinen, die Luft in menschliche Lungen pumpen. Das Coburger Hospiz „Lebensraum“ entpuppt sich aber sehr schnell als ein Ort, an dem, wie der Name schon andeutet, das Gegenteil der Fall ist. Hier steht das Leben im Mittelpunkt.
Auf dem Weg zum Hospiz-Eingang können Besucher bereits einen Blick auf die großzügigen, begrünten Terrassen erhaschen, über die jedes der 10 Zimmer verfügt. Es handelt sich um einen ebenerdigen, mit Steinplatten ausgelegten Außenbereich. Betten können also problemlos herausgeschoben werden, wenn es die Gäste, so nennen die Mitarbeitenden die Hospiz-BewohnerInnen, wünschen.
Lass Dir Zeit, es ist gut wie es ist
Auf der Terrasse eines Zimmers ist eine Gästin zu sehen. An diesem lauen Spätsommertag hält sie unter freiem Himmel ihren Mittagsschlaf. Sie wirkt zufrieden, beinahe erleichtert. Es ist, als ob sie im Schlaf lächelt. Vielleicht träumt die Dame ja gerade etwas Schönes. Ein friedvoller Moment, der auf wundersame Weise etwas Versöhnendes ausstrahlt. Man möchte der Schlafenden auf der Terrasse zuflüstern: Lass dir Zeit. Es ist gut, wie es ist.
Solchen individuellen Momenten wird hier im Hospiz ganz bewusst viel Raum gegeben. Zwar gibt es auch hier notwendige pflegerische und organisatorische Abläufe, trotzdem soll der Alltag möglichst wenig von starren Zeitplänen geprägt sein. Hier dominiert also kein durchgetakteter Klinikalltag den Tagesrhythmus, hier bestimmt alleine der Gast, wie sein Tag abläuft. Die Bayerische Stiftung Hospiz beschreibt Hospize deshalb folgerichtig als Orte, an denen der Tagesablauf weitgehend an den Bedürfnissen und Wünschen der einzelnen Gäste ausgerichtet wird. Was also braucht der Mensch jetzt und hier im „Lebensraum“?
Mittagsschlaf oder Lieblingslied?
Treffen mit Elfi Mönch. Die sympathische Österreicherin leitet die Einrichtung und arbeitet seit der Eröffnung des Hospizes im Jahr 2018 hier. Sie sagt: „Bei der einen ist es eben ein Mittagsschlaf an der frischen Luft, bei dem anderen ein Lieblingslied oder ein Gespräch, bei der nächsten der Wunsch nach Geselligkeit oder Familienangehörige zu sehen.“ Um mit maximaler Flexibilität auf die Wünsche der Gäste reagieren zu können, greift das Hospiz auch auf die Unterstützung Ehrenamtlicher zurück. „Bei uns engagieren sich derzeit insgesamt fünf freiwillige Hospizbegleitungen. Für unsere Arbeit sind sie extrem wichtig, weil sie sich sehr intensiv um die Bedürfnisse der Gäste kümmern“, ergänzt Mönch.
„Obwohl die Menschen, die uns zu uns kommen, schon bald sterben werden: An diesem Ort feiern wir ganz bewusst das Leben.“ Das geschehe auch in Form von Aktivitäten wie z. B. gemeinsames Kochen oder Backen mit den Hospiz-BewohnerInnen. Und dann gibt es auch Kunstaktionen - z. B. das Malen von Bildern. „Da sind in der Vergangenheit künstlerisch wertvolle Arbeiten entstanden, die uns wirklich zum Staunen gebracht haben“, berichtet Mönch. „Das Schöne: Beim Erstellen eines Bildes blühen die Gäste nicht nur spürbar auf. Sie hinterlassen mit dem Kunstwerk den hinterbliebenen Menschen, die sie kennen, ein Stück Persönlichkeit, etwas Bleibendes, etwas Buntes, etwas Positives, über das sich die Angehörigen, Freunde und Bekannte immer sehr freuen.“ Das zu sehen, sei sehr berührend. Unter der Leitung der Künstlerin Silke Lesch startete dieses Kunstprojekt bereits im Frühjahr. „Höhepunkt soll eine Vernissage im Oktober sein“, sagt Mönch, „zu der die Werke dann der Öffentlichkeit präsentiert werden. Bei Gästen wie Angehörigen würde die Kunsttherapie sehr gut ankommen und alle würden sich über die entstandenen Bilder freuen.
Den letzten Tagen mehr Leben schenken
Über solche und ähnliche Aktionen versuche das multimultiprofessionelle Team, dem selbstverständliche Pflegefachkräfte, Ärzte, der Sozialdienst, Seelsorgende, Therapeuten und ehrenamtliche Hospizbegleitungen angehören, den letzten Tagen mehr Leben zu schenken, fährt Mönch fort. „Wir unternehmen im wahrsten Sinne des Wortes beinahe alles, um den Gästen die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten“, erklärt sie weiter. „Bis zum Lebensende – Ich selbst“, lautet auch das Motto des Coburger Hospizes. Es stellt die Menschlichkeit als humanistischen Wert in den Mittelpunkt, auf den sich auch Sterbende zu Recht berufen.
Menschlichkeit gelte selbstverständlich auch für die Angehörigen, die sich vor der Zeit im Hospiz in vielen Fällen selbst um die Pflege gekümmert haben. „Sie legen die Pflege aus einem ganz spezifischen Grund in die Hände unserer Mitarbeitenden: weil es an einem bestimmten Punkt aus eigener Kraft und ohne Hilfe einfach nicht mehr geht“, weiß Mönch. Auch pflegende Angehörige müssten durchatmen, zur Ruhe kommen und die letzte Lebenszeit eines lieben Menschen begleiten können. Aus diesem Grund bietet das Hospiz Angehörigen auch die Möglichkeit, im Zimmer des Gastes mit zu übernachten, wenn das erwünscht ist. „Zwischenmenschliche Nähe zu vertrauten Personen, zu Angehörigen, dem kommt in dieser Phase des Lebens unserer Gäste oftmals eine ganz wesentliche Bedeutung zu“, weiß Mönch. „Ein Wunsch, den wir selbstverständlich erfüllen.“
Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben
Zu den Hospiz-Gästen zählen Menschen mit ganz unterschiedlichen Krankheitswegen. Sie sind im Durchschnitt 70 Jahre alt, manchmal auch jünger. „Die Mehrheit unserer Gäste befindet sich jedoch im fortgeschrittenen Alter, meistens 70 plus“, erklärt Mönch. Allen solle es gut gehen. Denn auch für Sterbende gilt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, zitiert Mönch aus dem Grundgesetz. „Der Artikel 1 ist eng mit einem Bild verknüpft, dem wir uns als Hospiz verpflichten: der Ehrfurcht vor dem menschlichen Leben - also dafür zu sorgen, dass ein Mensch bis zu seinem Lebensende nicht nur gut gepflegt, sondern geachtet und begleitet wird.“ Hohe Ansprüche, die sich das Hospiz selbst auferlege. Gute Rahmenbedingungen seien dafür unerlässlich. Sie würden sich insbesondere durch gut ausgebildete, motivierte Fachkräfte auszeichnen, die tatsächlich Zeit für die Gäste und ihre Bedürfnisse haben und die ihren Job gerne machen. „Das sind ganz wesentliche Aspekte, die unser Team in jeder Hinsicht erfüllt“, lobt Mönch die Belegschaft.
Selbstverständlich arbeitet das Hospiz sehr eng mit Ärzten und Seelsorgenden zusammen. Neben der notwendigen medizinischen Versorgung ist gerade am Ende des Lebens das seelsorgerische Bedürfnis bei Vielen sehr groß. Reden hilft, wie es so schön heißt. Am Lebensende wandelt sich diese Redewendung oftmals zu einem Ur-Bedürfnis. „Sich seelischen Schmerz, Leid, eine Gewissenslast oder Ungeklärtes tatsächlich von der Seele zu reden oder zu beichten, ist da sehr groß“, sagt Mönch. Deshalb spiele Seelsorge für zahlreiche Hospiz-Gäste auch eine ganz zentrale Rolle. „Weil sie befreit und den Gästen das Gefühl verleiht, mit sich im Reinen zu sein.“ Laut Mönch sei das sehr wichtig.
Am Ende geht es im Hospiz deshalb nicht darum, dem Sterben möglichst viel Leben entgegenzusetzen. Es geht vielmehr darum, die verbleibende Zeit bewusst und individuell zu gestalten, sie maximal zu nutzen – mit einem Mittagsschlaf auf der Terrasse, einem Lieblingslied, einem Gespräch, einem Bild oder einfach der Nähe zu einem vertrauten Menschen. Vielleicht ist genau das die besondere Stärke dieses Ortes: Dass hier trotz des nahenden Abschieds das Leben seinen Platz behält. Bis zuletzt.
Welttag des Hospizes am 10. Oktober
Zum Welttag des Hospizes startet das Coburger Caritas-Hospiz „Lebensraum“ mit einer Reihe von Veranstaltungen, die Informationen und, ja, auch Unterhaltung rund ums Thema Hospiz bieten. Interessierte sind herzlich eingeladen:
Samstag, 10.10., 9 – 13 Uhr
Infostand des Caritas-Hospizes Lebensraum, Coburg Innenstadt, Spitalgasse. Information und Aufklärung rund ums Thema Palliativarbeit und Hospiz.
Dienstag, 13.10., 19:30 Uhr
Kinofilm „H wie Habicht“, Kino Utopolis, Hahnweg 2, in Coburg.
Dienstag, 20.10., 15:00 – 19:00 Uhr
Vernissage von Künstlerin Silke Lesch und dem gemeinsamen Kunstprojekt im Hospiz, im Zukunftsraum, Steinweg 14, in Coburg. Inkl. Mitmachaktion: „Ein Bild aus Kraft und Trost“ - Male deinen Wunsch für die Gäste im Hospiz in einem bunten Gemeinschaftsbild.
Freitag, 23.10. 18:00 Uhr
Lesung der Weitramsdorfer Schreibwerkstatt Plus, im Hospizverein, Kasernenstr. 19c, in Coburg.
Titel: „Das letzte Hemd“, Werke von Horst Dwinger, Willemina Preiß, Cornelia Rossberg, Britta Solcher und Christian Göller.