Armutswochen: Schwerpunkt „Junge Armut!?“:16 Prozent der unter 18-Jährigen sind armutsgefährdet

Welche Chancen haben junge Menschen, wenn das Geld in der Familie knapp ist? Was bedeutet es, in Armut aufzuwachsen oder als junger Erwachsener finanziell auf eigenen Beinen stehen zu müssen? Und wie können die unterschiedlichen Generationen dazu beitragen, dass soziale Benachteiligung nicht von einer Generation an die nächste weitergegeben wird? Unter dem Motto „Junge Armut!? Gemeinsam für Generationengerechtigkeit“ beschäftigen sich die Armutswochen 2026 mit diesen Fragen.
Kinder und Jugendliche sind eine Minderheit
Auch wenn Armut häufig mit älteren Menschen in Verbindung gebracht wird, sind Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene keineswegs eine Randgruppe der Armutsdebatte. Nach den aktuellen Ergebnissen der EU-SILC-Erhebung und des Statistischen Bundesamtes waren 2025 in Deutschland 16 Prozent der unter 18-Jährigen armutsgefährdet. Insgesamt lag die Armutsgefährdungsquote bei 16,1 Prozent.
Trotz dieser Zahlen: „Die Armutsgefährdung junger Menschen wird in der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommen“, heißt es in der von Caritas, dem Sozialdienst katholischer Frauen e. V. (SkF) und dem Katholischen Verband für soziale Dienste in Deutschland e. V. (SKM) gemeinsam herausgegebenen Broschüre zu den Armutswochen 2026. Kinder und Jugendliche seien in unserer Gesellschaft immer noch eine Minderheit, die in der Politik nur selten Gehör finden. Die Armutswochen sollen das ändern.
Armut hat viele Gesichter
„Junge Menschen brauchen mehr als materielle Unterstützung. Sie brauchen gute Bildungschancen, einen sicheren Start ins Berufsleben, bezahlbaren Wohnraum und die Möglichkeit, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten“, sagt Michael Endres, Caritasdirektor und Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes für die Erzdiözese Bamberg e. V. „Wenn junge Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft dauerhaft schlechtere Chancen haben, betrifft das nicht nur sie selbst. Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft hierzulande miteinander leben wollen.“
Armut bedeutet nicht allein, mit weniger Geld auskommen zu müssen. Sie kann den Zugang zu Bildung, Freizeit, Kultur, Gesundheit und gesellschaftlicher Teilhabe einschränken. Gerade bei Kindern und Jugendlichen können finanzielle Belastungen der Familie, etwa hohe Wohnkosten, deshalb langfristige Folgen haben. Der Blick auf die Wohnsituation verdeutlicht die Problematik: 2025 lebten 19,0 Prozent der Minderjährigen in Deutschland in überbelegten Wohnungen. Bei Haushalten mit Kindern lag der Anteil bei 17,6 Prozent.
Junge Armut stellt deshalb nicht nur ein soziales, sondern auch ein demokratiepolitisches Problem dar. Diese These gilt mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen. Mit der Verfestigung sozialer Ungleichheit geht insbesondere in den unteren Einkommensgruppen die Tendenz zur politischen Entfremdung einher. Das begünstigt die Zuwendung zu radikalen Ideologien beziehungsweise den Aufstieg populistischer Parteien. „Den Fokus auf die junge Generation zu richten, ist deshalb hochrelevant, weil sie sich ganz wesentlich auf den Zusammenhalt der Gesellschaft von morgen auswirken wird“, sagt Endres.
Junge Menschen stehen heute vor zahlreichen Herausforderungen beim Übergang in ein selbstständiges Leben. 2025 lebten beispielsweise noch 30 Prozent der 25-Jährigen im Haushalt ihrer Eltern. Das kann unterschiedliche Gründe haben und ist nicht automatisch ein Zeichen von Armut. Es zeigt jedoch, dass der Übergang von der Familie in ein eigenständiges Leben zunehmend mit Fragen von Wohnraum, Einkommen und finanzieller Absicherung verbunden ist.
„Generationengerechtigkeit darf nicht bedeuten, Jung gegen Alt auszuspielen“, betont Endres. „Es geht vielmehr darum, allen Generationen ein gutes und selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Dafür brauchen wir einen Sozialstaat, der Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen verlässlich unterstützt und insbesondere diejenigen erreicht, die ihre Interessen nicht selbst laut vertreten können.“
Caritas setzt auf Begegnung und konkrete Unterstützung
Ob Wärmestube, Tafel, Kleiderkammer, CariBoutique für Familien mit Kindern, Josefslädchen, Schulmaterial- oder Gebrauchtmöbelladen, Quartiersarbeit, Familienstützpunkte, Energiebeihilfen oder Gesundheitsfonds – um nur einige Maßnahmen zu nennen: Die Caritas unterstützt in der Erzdiözese Bamberg Menschen aller Altersgruppen in unterschiedlichen Lebenssituationen. Sie begleitet Familien, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ebenso wie ältere Menschen, schafft Begegnungsräume und fördert Teilhabe. Dabei zeigt sich: Armut hat selten nur eine Ursache. Niedriges Einkommen, hohe Wohnkosten, fehlende familiäre Unterstützung, gesundheitliche Probleme oder Brüche in Lebensläufen können sich gegenseitig verstärken.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Generationengerechtigkeit ist aus Sicht der Caritas eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Gesellschaft und jedem Einzelnen. Es braucht Rahmenbedingungen, die Kindern und Jugendlichen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft gute Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Gleichzeitig müssen Familien und ältere Menschen mit ihren jeweiligen Bedürfnissen im Blick bleiben.
„Wer über Generationengerechtigkeit spricht, sollte nicht fragen: Wer bekommt was – die Jungen oder die Alten? Die entscheidende Frage ist: Was brauchen Menschen in ihrer jeweiligen Lebensphase, damit sie gut und selbstbestimmt leben können?“, so Endres. „Solidarität zwischen den Generationen bedeutet, Verantwortung füreinander zu übernehmen.“
Über die Armutswochen:
Die Armutswochen starten am am 17. Oktober mit dem Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut und enden am 15. November 2026 mit dem vom Papst ausgerufenen Welttag der Armen. Die Caritas, der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) und der Katholische Verband für soziale Dienste in Deutschland (SKM) machen dabei bundesweit auf Armut und soziale Ausgrenzung aufmerksam. In diesem Jahr legen die drei Organisationen den Fokus auf „Junge Armut“. Das Motto der Armutswochen 2026 lautet „Junge Armut!? Gemeinsam für Generationengerechtigkeit“.