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Michael Endres im Interview zu Kinderprojekt in Senegal::„Gute Entscheidung, dass Caritas dieses Projekt ausgewählt hat.“

Michael Endres (3. v. re.) mit Mitarbeitenden von enda Jeunesse Action in Thiès, Senegal.
Michael Endres, Caritasdirektor und Vorstandsvorsitzender des Caritasverbandes für die Erzdiözese Bamberg, berichtet von seinem Besuch der Kinderschutzstelle in Thiès, Senegal.
Datum:
Veröffentlicht: 5.2.26
Von:
Enno-Jochen Zerbes

Herr Endres, Sie sind erst vor Kurzem von ihrer Reise in den Senegal zurückgekehrt. Dort unterstützt der Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg e. V. mittlerweile seit etwas mehr als zwei Jahren ein Schutzstelle für Straßenkinder im Bamberger Partner-Bistum Thiès, welches Sie besucht haben. Als Sie dort ankamen, was waren Ihre ersten Eindrücke?

Michael Endres (ME): Dass es eine gute Entscheidung war, genau dieses Projekt auszuwählen und zu unterstützen. Und dass wir mit der lokalen NGO enda Jeunesse Action Senegal einen hochkompetenten Partner gefunden haben, der über sehr viel Erfahrung aus ähnlichen Projekten verfügt. Mir wurde sehr klar vor Augen geführt, mit welch großem, professionellem Engagement und sozialpädagogischem Know-how die Verantwortlichen vor Ort dieses Projekt vorantreiben und genau die Kinder begleiten, denen wir als Caritas auch helfen wollten.

An welche Kinder richtet sich dieses Projekt genau?

ME: Mit der Schutzstelle für Straßenkinder richten wir uns hauptsächlich an Kinder im Grundschulalter, die in Thiès im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße leben. Für uns hier in Deutschland ist das nur sehr schwer vorstellbar. Dabei handelt es sich um Kinder, die aus verschiedenen Gründen von zu Hause weggelaufen sind und in größeren Gruppen von bis zu 60 Kindern umherziehen - ohne zu Hause, ohne Dach über dem Kopf, ohne Eltern, ohne Nahrung, ohne jegliche medizinische Versorgung, oftmals nur mit einem zerrissenen T-Shirt und einer kurzen Hose bekleidet.

"Kinder, die sich von Speiseresten aus dem Müll ernähren."

Wie muss man sich Lebensumstände der Straßenkinder vorstellen?

ME: Das sind Kinder, die unter undenkbaren hygienischen Bedingungen, in Schmutz, Sand und Staub, auf der Straße leben, die Gewalt ausgesetzt sind, sich von Speisresten aus dem Müll ernähren, die ständig auf der Suche nach etwas Essbarem und nach Geld sind.

Warum laufen diese Kinder von zu Hause weg?

ME: In der Regel stammen die Kinder aus Familien, die selbst für senegalesische Verhältnisse am Existenzminimum leben. Diese Familien verfügen über so gut wie kein Geld, um sich eine adäquate Ernährung oder gar schulische Bildung leisten zu können. Auch das eigene Haus, die Wohnung oder die Hütte, in denen Familien leben, leiden unter diesen Umständen. Denn die Familien sind oft sehr groß, das verfügbare Platzangebot aber entsprechend gering. Das sorgt für Streitigkeiten und Probleme im Familienverbund, die nicht selten bis hin zu innerfamiliärer Gewalt reichen können. Da kann es sogar sein, dass diese Kinder einfach verschwinden. Unter solchen Voraussetzungen bleibt den Kleinsten dann im Grunde nur noch eine Option: die Straße.

Gab es persönliche Begegnungen, die sie auf Ihrer Reise ganz besonders berührt haben?

ME: Ich durfte das Halbfinale des Afrika Cups Senegal gegen Ägypten gemeinsam mit Kindern anschauen. Die Freude über den Sieg Senegals war natürlich entsprechend ausgelassen. Und natürlich wurde ich auch Zeuge, wie sehr sich die Kinder über eine Dusche, über ein Essen oder über die medizinische Versorgung freuen, die sie in der Kinderschutzstelle erhalten. Das hat mich sehr berührt.

Wie muss man sich diese Kinderschutzstelle räumlich vorstellen?

ME: Die Kinder haben bei uns grundsätzlich die Möglichkeit zu duschen, sie werden verpflegt, erhalten medizinische und oftmals auch psychologische Versorgung. Und sie können in der Kinderschutzstelle auch übernachten. Dafür stehen jeweils Räume bereit.

Welche Zielsetzung verfolgt die Caritas mit dem Straßenkinder-Projekt in Thies konkret?

ME: Mit unserer Arbeit wollen wir Kinder von der Straße holen. Trotzdem landen immer noch viele genau wieder dort. Unser Ziel ist es daher, Kinder wieder dauerhaft in ihre Familien zurückzuführen. Kinder, die in der Kinderschutzstelle landen, geben Mitarbeitende nicht einfach an der Haustür ab. Es geht darum, zu ergründen, was genau die Ursache dafür war, dass das Kind weggelaufen ist und sich, anstatt eines Lebens in der Familie, für ein Leben auf der Straße entschieden hat. Es war für mich sehr beeindruckend zu sehen, mit welcher Professionalität die Streetworker von enda Jeunesse Action diese sozialpädagogische Arbeit vor Ort umsetzen und Rahmenbedingungen für die Familien schaffen, in welche die Kinder dann auch dauerhaft zurückkehren können. Gemeinsam mit unseren Partnern durfte ich auch eine solche Familie besuchen, die ihr Kind wieder aufgenommen hat. Das war sehr bewegend.

Von wie vielen Kindern sprechen wir da, die von der Kinderschutzstelle begleitet werden?

ME: Insgesamt haben wir in den letzten zwei Jahren knapp 480 Straßenkinder in der Schutzstelle betreut. Ein Drittel davon – also ca. 160 – wurde wieder in ihre Familien zurückgeführt. Eine Zahl, auf wir alle sehr stolz sein können. Dabei handelt es sich überwiegend um Jungen. Da liegt auch daran, dass Senegal ein stark muslimisch geprägtes Land ist. Deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass in letzter Zeit auch mehr und mehr Mädchen, die oftmals vor der Gewalt zu Hause weglaufen, Zugang zu unserem Projekt finden und von diesem geschützt werden. Das ist sehr schön zu sehen.

Wir haben bisher immer von Kindern gesprochen. Richtet sich das Projekt auch an Jugendliche und junge Erwachsene?

ME: Ganz klar: ja. Diese Zielgruppe unterstützen wir z. B. mit einer Starthilfe. Diese Finanzspritze hilft etwa jungen Erwachsenen dabei, ihren eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, indem diese ein eigenes, kleines Unternehmen gründen. Dabei erhalten sie von enda Jeunesse Action eine umfassende fachliche Betreuung und erlenen kaufmännisches und unternehmerisches Wissen und Denken. Ich durfte einen jungen Mann kennenlernen, der eine Lehre als Schneider absolviert und eine Schneiderei eröffnet hat. Es war sehr bewegend zu sehen, dass diese Strategie gut funktioniert.

"Vergesst Afrika nicht."

Durch Ihren Besuch in Senegal dürfte sich auch der Blick auf ihre eigene Arbeit verändert haben …

ME: … ja, auf jeden Fall. Die Erlebnisse auf der Reise haben mich nachdrücklich daran erinnert, in meiner Arbeit den Blick noch mehr auf die Schwächsten der Gesellschaft und das, wofür die Caritas steht, zu richten - egal ob Senegal, Deutschland, Bamberg oder anderswo.

So ein Projekt kostet ja auch Geld. Wie sehen die Zukunftsplanungen für die Kinderschutzstelle in dieser Hinsicht aus?

ME: Als Diözesan-Caritasverband haben wir uns darauf geeinigt, das Projekt für die Dauer der nächsten fünf Jahre mit insgesamt 250.000 EUR zu unterstützen. Mir war dieses langfristige Bekenntnis zur Kinderschutzstelle auch persönlich extrem wichtig. Denn in vielen anderen Projekten ist das nicht so. Stattdessen hangelt sich die Finanzierung von Jahr zu Jahr, so dass Initiativen und Projekte im Grunde immer mit einem Bein bereits im Aus stehen. Diese Ungewissheit kann sehr zermürbend sein. Darunter leidet meiner Ansicht nach, trotz großer Ziele, die da von den Geldgebern gerne formuliert werden, die Kontinuität. Und das wirkt sich auf die Qualität der Arbeit, die vor Ort geleistet wird, aus. Wenn man als Geldgeber gute Arbeit erwartet, muss man auch dazu bereit sein, Projekte wie z. B. die Kinderschutzstelle in Thiès auch langfristig mit entsprechenden Geldmitteln auszustatten. Dazu war und ist der Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg bereit. Für dieses klare Commitment haben wir auch von unseren Partnern vor Ort, bei enda Jeunesse Action, sowie von Caritas international großes Lob erhalten.

Wenn Sie heute eine Botschaft der Straßenkinder in Senegal z. B. an die deutsche Bevölkerung übermitteln sollten, wie würde die lauten?

ME: Die Botschaft lautet: Vergesst Afrika nicht.

Herr Endres, vielen Dank für das Gespräch.