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Suchtberatung des Caritasverbandes Fürth:Glückspielsucht: „Es ist ein weiter Weg zurück in den Engelskreis“

Der Weg von der Glücksspielsucht in die Katastrophe ist oft nicht weit, der Weg aus der Glücksspielsucht heraus, aber schon.
Seit mehr als 20 Jahren berät die Suchtberatungsstelle des Caritasverbandes Fürth auch Menschen mit einer Glücksspielstörung. Diese Diagnose erfährt seit geraumer Zeit einen sehr unerfreulichen Boom. Denn in der virtuellen Welt ist der Zugang zum Zocken grenzenlos.
Datum:
Veröffentlicht: 4.2.26
Von:
Enno-Jochen Zerbes

Die Bedeutungszuwachs des Glücksspiels ist enorm. Das machen die aktuellen Zahlen der Landesstelle für Glückspielsucht in Bayern (LSG Bayern) mehr als nur deutlich. Die Behörde veröffentlicht jedes Jahr einen Jahresbericht – zuletzt auch in 2025. Daraus geht hervor, dass die Umsätze im Glücksspielmarkt, die überwiegend auf junge Männer zurückgehen, in 2023 um fast 20 Prozent auf insgesamt knapp 63,5 Milliarden Euro gestiegen sind. Das Marktvolumen liege damit deutlich höher als vor der Corona-Pandemie (42,6 Mrd. Euro in 2019), heißt es im Bericht.

Experten wie Roland Kagerer von der Caritas Suchberatung in Fürth sehen dafür vor allem eine Ursache: den Glücksspielstaatsvertrag. 2020 in Kraft getreten, regelt er insbesondere die Legalisierung von Sportwetten sowie – etwa ein Jahr später – Onlinespiele (z. B. Poker).  Damit hat sich nicht nur der Markt verändert. Auch die Zahl der von einer Glücksspielstörung Betroffenen wächst.

Gefahr der Bagatellisierung

Was aber ist das Besondere an der Glückspielsucht? „Als nichtstoffgebundene Suchtform wirkt sich Glücksspielsucht im Gegensatz zu stoffgebundenen Suchtformen nicht unmittelbar auf die physische Konstitution eines Menschen aus. Übermäßiger Alkohol- oder Drogenkonsum führen abhängigen Menschen in verhältnismäßig kurzer Zeit sichtbare körperliche Schäden zu, die rein äußerlich bei der Glücksspielsucht nicht auftreten“, sagt Kagerer. Der auf Glücksspielsucht spezialisierte Sozialpädagoge weiß: im Umfeld des Abhängigen wird dagegen eine Glücksspielstörung, so der Fachbegriff, nicht sofort sichtbar. Für Angehörige, Freunde und Familie sei es deshalb sehr schwer, Glücksspielsucht zu erkennen. „Viele verharmlosen diese spezielle Form der Abhängigkeit aus diesem Grund.“ Diese Bagatellisierungstendenz hält Kagerer gerade im Bereich der Glücksspielsucht für sehr problematisch.

Eine weitere Facette: „Während alkohol- oder drogenabhängige Menschen sich über ihr Suchtverhalten oft im Klaren sind, nehmen Glücksspielende selbst eine mögliche Sucht nicht sofort als solche wahr“, sagt Kagerer. Ein großes Problem stellt deshalb auch die Fähigkeit zur Einsicht der Betroffenen, der Süchtigen dar.

Euphorie vs. Betäubung

„Suchtmittel bei Glückspielenden ist, klar, Geld“, fährt Kagerer fort. Damit transformieren Glücksspielsüchtige dieses Medium zum einen in ein euphorisierendes Gefühl. „Wenn es mir gelingt, aus 10 Euro 150 Euro zu machen, dann springt die Dopamin-Produktion in meinem Körper sofort an. Und wenn ich dieses berauschende Glücksgefühl einmal erzeugen kann, warum nicht auch öfter?“

Die sedierende Wirkungsweise stellt eine weitere Funktion des Suchtmittels dar. Hier sorgt das Geld bzw. das Glücksspiel bei Betroffenen gewissermaßen für eine „Problembetäubung“. In beiden Fällen spielt es in der Wahrnehmung der Betroffenen keine Rolle, dass sie in der Regel nicht über unendliche Mengen an Geld verfügen, um diesen endlosen Dopamin-Rausch bzw. die Betäubung fortwährend zu reproduzieren. „Sie schlittern dann unweigerlich in die Katastrophe.“ Die Konsequenz: extreme Geldnot und/oder horrende und mitunter existenzgefährdende Schulden. Die Forschung zeigt, dass jede Vierte in der ambulanten Suchthilfe betreute Person in Bayern 2023 aufgrund einer Glücksspielstörung mit über 25.000 € verschuldet war.

Nur 20 % suchen Beratungsstelle auf

Bei vielen Betroffenen dauert es Jahre, bis ihnen klar wird, dass sie ein konkretes Problem haben. Laut LSG Bayern vergehen in der Regel vier bis zehn Jahre, bevor Spielende tatsächlich selbst ihre Suchtproblematik wahrnehmen und eine Beratungsstelle aufsuchen. Dabei handelt es sich um lediglich ein Fünftel der Menschen mit einer Glücksspielstörung.

Im besten Fall landen die dann bei Menschen wie Roland Kagerer. „Die Suchtberatung versteht sich als niedrigschwelliges Beratungsangebot, das generell als erste Anlaufstelle für Menschen gilt, die in Folge von jedweder Sucht einen Leidensdruck erfahren. Das schließt auch die Glücksspielsucht ein“, sagt Kagerer. Konkrete Hilfe erfahren die Betroffenen in ersten Beratungsgesprächen. „Da stellen wir bereits klar, dass der Weg zurück in ein normales Leben weit sein wird.“ Es gehe um Veränderung, sagt Kagerer - darum, aus dem Teufelskreis wieder in den Engelskreis zu gelangen. Es sei keineswegs einfach, die Gewohnheiten eines Glücksspielsüchtigen zu verändern. Im Therapieprozess gebe es Auf und Abs, die manchmal sogar in eine stationäre Reha münden, welche die Caritas Suchtberatung begleite. „Bei arbeitsfähigen Personen kommt der Rentenversicherungs- bzw. Krankenversicherungsträger für diese klinische Langzeittherapie auf, nach der dann im besten Fall die Arbeitsfähigkeit wieder hergestellt wird.“ Am Ende des Beratungsprozesses gebe es tatsächlich auch zahlreiche Erfolge. „Es ist schön zu sehen, wenn unsere vorgeschlagenen Maßnahmen wirken und glücksspielsüchtige Menschen langfristig den Weg aus der Sucht finden.“

Auch Angehörige sind betroffen

Selbstverständlich zählen auch die Angehörigen eines Glücksspielenden zu den Betroffenen, auch sie suchen die Beratungsstellen auf. Jüngsten Forschungen aus dem Jahr 2025 zufolge, sind bis zu 21 Prozent der Bevölkerung von den Problemen einer glücksspielenden Person betroffen – je nach Methode variieren die Zahlen hier zwar sehr stark, Fakt ist aber: Dazu zählen oftmals auch Kinder. Alleine in Deutschland haben bis zu 830.000 Kinder mindestens ein Elternteil mit einer Glücksspielstörung. Die Folge: Auch Kinder können aus diesem Grund unter emotionalen Dysbalancen leiden, die im weiteren Verlauf ihres Lebens sogar zu eigenen Glücksspielproblemen führen können.

Glücksspielstörung kommt selten alleine

Eine Glücksspielstörung geht auf komplexe Ursachen zurück. In den letzten Jahren konnten jedoch verschiedene Risikofaktoren identifiziert werden, die sich beim Vorliegen einer Glücksspielstörung auffällig oft häufen. Dabei handelt es sich um Risikofaktoren, die insbesondere bei jungen Männern auftreten, die eine ganz bestimmten Persönlichkeitsstruktur aufweisen, etwa eine ausgeprägte Impulsivität oder eine hohe externale Kontrollüberzeugung. Weitere Risikofaktoren sind z. B. hohe Verfügbarkeit an Glücksspielangeboten, ein entsprechendes, glücksspielfreundliches soziales Umfeld sowie die Art des Glücksspiels. Treffen diese Indikatoren aufeinander, ist die Gefahr einer Glücksspielstörung besonders hoch. Schätzungen zufolge erfüllten alleine in Bayern im Jahr 2023 fasst 222.000 Menschen diese Kriterien. Bei fast 564.000 Personen wurde dagegen „nur“ ein riskantes Glücksspielverhalten diagnostiziert, die Vorstufe einer Glücksspielstörung. In vielen Fällen würden außerdem weitere psychische Störungen oder gar stoffgebundenes Suchtverhalten wie etwa Drogen- oder Alkoholsucht vorliegen, die in Kombination mit einer Glücksspielstörung auftreten und diese begünstigen, so Kagerer.

„Wir wissen, dass uns in der Caritas Suchtberatung Fürth über die Hälfte der KlientInnen ganz konkret auf eine Online-Glücksspielstörung ansprechen.“

Digitalisierung befeuert Glücksspielmarkt

Zu den Gründen, die den Glücksspiel-Boom weiter befeuern, zählt auch die Digitalisierung. Durch das Internet existiert de facto ein weltweiter, orts- und zeitungebundener Zugang zu jeglichen Formen des Glücksspiels – von Online-Wetten bis hin zu Online-Poker, -Roulette oder -Black-Jack, von legal bis illegal, von reguliert bis nicht reguliert. Auch Kagerer bestätigt diesen Trend: „Wir wissen, dass in der Caritas Suchtberatung in Fürth über die Hälfte der KlientInnen uns ganz konkret auf eine Online-Glücksspielstörung ansprechen.“ Hinzu kommt: „Mittlerweile weiten sich Glücksspielelemente mehr und mehr auf den Online-Gaming-Markt aus“, sagt Kagerer. So finden sich etwa in online gespielten Adventure-, Action- oder Fantasy-Spielen, die überwiegend von einer sehr jungen Zielgruppe gespielt werden, Glücksspielelemente – sogenannte Loot-Boxen (Loot, deutsch: Beute) – wieder. „Dadurch verwässert sich die Grenze zwischen Glücksspiel und vermeintlich harmlosen Computer-Spielen natürlich weiter. Hier sehe ich vor allem für junge Menschen eine sehr große Gefahr“, erklärt Kagerer.

Gefahr des grenzenlosen Zockens und Wettens

Um wirksam gegen diese besorgniserregende Entwicklung vorzugehen, wünscht sich Kagerer strengere Regeln, gerade auch was den Jugendschutz angeht. Ein Verbot hält er jedoch für illusorisch: „Denn der Staat, der ja auch selbst Glücksspielunternehmer ist, erzielt ja auch beträchtliche Steuereinnahmen aus dem lizensierten Glücksspiel.“ Und, so Kagerer weiter, dahinter verberge sich mit der Glücksspielindustrie ja auch eine mächtige Lobby, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen ausübe. „Zwischen dem Schutz der Bevölkerung und staatlich lizensiertem Glücksspiel sehe ich persönlich schon auch einen Interessenskonflikt, vor dem der Staat steht.“

Der Blick in die digitale Zukunft zeigt sehr deutlich, wohin die Reise geht: grenzenloses Zocken und Wetten, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Inwieweit etwa der Glücksspielstaatvertrag die Glücksspielindustrie in dieser Hinsicht zu zähmen vermag, bleibt fraglich. Auch wenn der Gesetzgeber eine ganze Reihe von Schutz- und Hilfsmaßnahmen vorsieht – u. a. die 22 Suchtberatungseinrichtungen der Landesstelle für Glücksspielsucht oder die Verpflichtung zu sogenannten Sozial- bzw. Spielerschutzkonzepten -, drohen diese Auflagen angesichts des entgrenzten Glückspielmarktes mehr und mehr ins Leere zu laufen. Der Möglichkeit, im Internet immer und überall zocken zu können, setzen staatliche oder internationale Akteure bis dato keinerlei verbindliche Regeln entgegen. Präventionsmaßnahmen wie z. B. die Spielersperre gelten zwar bundesweit und auch online, allerdings nur bei solchen Glücksspielanbietern, die sich am Sperrsystem beteiligen. Das funktioniere zwar ganz gut, sagt Kagerer, „das Absurde ist allerdings, dass sich gesperrte Spieler im Internet eben weltweit Accounts anlegen und überall spielen können – auch und insbesondere auf illegalen bzw. unregulierten Glücksspielplattformen, die eben nicht an Sperrsysteme und Glücksspielstaatsverträge irgendwelcher Art gebunden sind.“

Für die Zukunft wünscht sich Kagerer dagegen einen wirksamen Schutz und Prävention. Aus seiner Sicht fängt der z. B. in der Werbung an: „Sponsoring und Werbung bei Fußballspielen oder im TV für Sportwetten zu erlauben, sorgt in der Hinsicht für eine gefährliche Normalisierung, als das Sport und Sportwetten von Natur aus für zusammengehörig gehalten werden. Ich sehe hier dringenden Handlungsbedarf. Diese Form von Werbung muss, ähnlich wie die Tabakwerbung, konsequent verboten werden.“