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Sozialraumorientierung im CV Nürnberger Land:Der Mensch im Mittelpunkt

Das Gruppenbild zeigt eine Gruppe von mehreren lachenden Menschen aus unterschiedlichen Generationen, die im Park im Gras sitzt und sich freut.
Was passiert, wenn soziale Arbeit und Projekte nicht mehr nur in Büros geplant, sondern mitten im Leben der Menschen gestaltet werden? Der Caritasverband Nürnberger Land zeigt, wie er das Konzept der Sozialraumorientierung nunmehr seit über zehn Jahren erfolgreich in die Praxis umsetzt.
Datum:
Veröffentlicht: 13.1.26
Von:
Enno-Jochen Zerbes

Die Motivation dazu entstand in den Köpfen von damals noch jungen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, die nach Innovation strebten. „Was brauchen die Menschen wirklich? Das war damals, vor über zehn Jahren, die zentrale Frage, die wir uns als Caritas im Nürnberger Land gestellt haben“, blickt Michael Schubert, geschäftsführender Vorstand des Caritasverbandes Nürnberger Land, zurück.

Dabei ist diese Theorie keineswegs neu. Im Gegenteil: Sie stammt aus den 1980er Jahren und entsprang dem aufkommenden Fachdiskurs um die soziale Stadt. Um diesen Arbeitsansatz nun für die Caritas auf solide Beine zu stellen, führte der Caritasverband Nürnberger Land 2014 eine entsprechende Umfrage durch. Ziel der Erhebung war es, zunächst ein grundsätzliches Stimmungsbild des Zusammenlebens der Bevölkerung in Hersbruck zu erhalten sowie Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was die Menschen sich konkret von sozialer Arbeit wünschen und wie ihre Bedürfnisse aussehen.

Haltungsänderung in der Sozialarbeit

„Auf dieser Basis entwickelten wir dann unser jeweils ganz eigenes Konzept der Sozialraumorientierung“, erzählt Schubert. „Es zeichnet sich im Wesentlichen dadurch aus, dass wir als Caritas den Menschen über Projekte, Einrichtungen und Dienste einen organisatorischen Rahmen bieten, der dann von den jeweiligen Zielgruppen in Form von verschiedenen Initiativen selbst ausgestaltet wird.“ Daran orientiert sich seither ein wesentlicher Teil die Sozialarbeit der Caritas im Nürnberger Land.

Grundsätzlich stelle das Konzept eine elementare Haltungsänderung in der Sozialarbeit dar, weil sie den Willen und die Bedürfnisse des Menschen in den Mittelpunkt stellen. „Anstatt Hilfen sozusagen ‚über die Köpfe hinweg‘ zu organisieren, betrachten wir die ganz spezifischen Bedarfe und Ressourcen der Menschen im Kontext ihres jeweiligen Sozialraums, etwa in den Quartieren, Stadtvierteln und Nachbarschaften. D. h. nicht wir, die Caritas, entwickeln Angebote, sondern die Menschen selbst kommen auf uns zu und tun dies gemeinsam mit der Caritas, die sie in ihrem Bestreben unterstützt, Räumlichkeiten und auch Mittel zur Verfügung stellt. Auf dieser Basis entstehen Angebote, die wirken und echte Teilhabe und Gemeinschaft schaffen“, erklärt Schubert.

Eine ganz wesentliche Charaktereigenschaft der Sozialraumorientierung sei die Niederschwelligkeit des Angebots, sagt Mechthild Scholz, Leiterin des Mehrgenerationshauses (MGH) Nürnberger Land in Röthenbach. „Offen für alle zu sein, spielt bei der Sozialraumorientierung eine ganz entscheidende Rolle. Unser MGH ist nicht nur eine offene Anlaufstelle für ganz verschiedene Generationen, sondern auch ein spürbarer Gewinn für das Zusammenleben hier bei uns“, so die Sozialpädagogin. Es gehe darum, Menschen zu zeigen, dass sie z. B. im MGH einen Raum, einen Platz haben, wo sie ungezwungen, ohne Erwartungshaltung oder Leistungsgedanken, hingehen, sich treffen und kommunizieren können, wenn sie denn wollen. Und wenn Menschen unter diesen Voraussetzungen zusammenkommen wie hier im MGH, „dann ist der Weg nicht mehr weit, dass sie selbst etwas organisieren. Auf diese Art und Weise entstehen eben auch ganz spezifische Angebote“, erklärt Scholz.

Spürbare Gemeinschaft

Der Erfolg, den die Caritas im Nürnberger Land damit hat, geben Scholz und Schubert Recht. Projekte wie z. B. die Hausaufgabenbetreuung gehen auf die Eigeninitiative von Eltern zurück. Ihnen bietet das MGH einen Rahmen, in dem sich die Kinder nach der Schule täglich zum Hausaufgabenmachen treffen können. Davon profitieren insgesamt gut 10 Schülerinnen und Schüler, die von mehreren ehrenamtlichen Kräften angeleitet werden.

Darüber hinaus gibt es u. a. auch einen selbst organisierten Englischkurs für SeniorInnen, aber auch eine Mediensprechstunde und weitere kreative Angebote wie z. B. Basteln, ein Graffiti-Kurs oder der Besuch von Theateraufführungen. Positiver Nebeneffekt: In den einzelnen Angeboten treffen junge und alte Generationen aufeinander, die sich gegenseitig helfen und unterstützen. „So entsteht spürbare Gemeinschaft, die sich sehr positiv auf das Zusammenleben hier bei uns auswirkt und die vor allem eines ganz deutlich macht: dass sich Engagement lohnt“, sagt Scholz. Sehr deutlich wird das beim Blick auf das MGH. Alleine 60 Ehrenamtliche sind hier in verschiedenen Rollen und Funktionen aktiv.

Dass nicht alle Angebote erfolgreich sind, liegt gerade bei der extrem flexiblen Sozialraumorientierung in der Natur der Sache. „Projekte wie die ‚Wunschgroßeltern‘ sind aber nicht etwa an der mangelnden Nachfrage gescheitert.“ Denn die sei enorm gewesen, berichtet Scholz. Es sei vielmehr sehr schwierig gewesen, Opas und Omas ab dem Alter von 65 aufwärts zu finden, die bereit waren, die Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, wenn deren Eltern nicht anwesend sind.

Leuchtturmprojekt NachhilFEE

Auf der anderen Seite gibt es aber auch echte Meilensteine. Dazu zählen etwa die NachhilFEEn – ein echtes Leuchtturmprojekt, das längst eine große Strahlkraft entwickelt hat, die weit über das Einzugsgebiet des Caritasverbandes Nürnberger Land hinaus reicht. Ziel des Projekts ist es, Kindern die Chance zu geben, nicht nur entstandene Wissensrückstände, sondern auch mögliche andere Benachteiligungen auszugleichen. Die „NachhilFEEn“ sollen gerade dort, wo das soziale Umfeld Defizite aufweist, Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung schulischer und sozialer Herausforderungen stärken und stützen. Der Förderung sprachlicher Kompetenzen kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu - vor allem für Kinder, die nicht muttersprachlich deutsch sind.

„Wir unterstützen insgesamt fast 900 Schülerinnen und Schüler an 37 Grund- und Mittelschulen im Nürnberger Land, wo die NachhilFEEn auf durchweg positive Resonanz stoßen“, sagt Schubert. Die Förderung findet in der Regel in einer Eins-zu-Eins-Betreuung oder in kleinen Gruppen statt. Im Schnitt 140 NachhilFEEn arbeiten für das Projekt. Zwei Drittel davon sind Lehramtsstudierende, die sich intensiv um ihre Schützlinge kümmern. Vorteil: Die Studierenden sammeln wertvolle praktische Erfahrungen und erhalten eine Aufwandsentschädigung. „Ich finde, das sind extrem gute Rahmenbedingungen – sowohl für die Schülerinnen und Schüler, die nahezu Individualunterricht erhalten, als auch für die ‚FEEn‘“, sagt Schubert. Dass dieses Projekt in dieser Form zu Stande kam, verdanke der Caritasverband Nürnberger Land dem Unternehmer Alexander Wexler. „Er kam mit dieser Idee auf uns zu“, berichtet Schubert. Angestoßen durch seine großzügige Privatspende finanzieren sich die NachhilFEEn jährlich außerdem über öffentliche Gelder, Stiftungen und auch weitere private Spenden.

Wirksamkeit sichtbar machen

„Gerade in Zeiten knapper Mittel, müssen wir Signale setzen, indem wir die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellen“, sagt Schubert. Die Caritas müsse sichtbar machen, wie ihre Projekte beim Menschen wirken, zu was sie tatsächlich in der Lage sind und vor allem, was im Sozialraum, in den Quartieren und Stadtvierteln passieren würde, wenn sie plötzlich nicht mehr da wären. „Mit unserem Konzept können wir das sehr gut veranschaulichen und fahren damit bis dato sehr gut.“